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Sprengsätze – mit Metallstiften bestückt

Dortmund/St Wendel
Sprengsätze – mit Metallstiften bestückt
Marcus Bark
13. April 2017

Nach dem Anschlag auf den BVB-Teambus sprechen die Ermittler von Terror. Zwei Verdächtige werden vorläufig festgenommen.

Die Wittbräucker Straße schlängelt sich durch den Süden der Stadt. Bei Dortmundern ist die Straße als „Fressmeile“ bekannt. Einige der besten Restaurants sind hier zu finden, auch das „Vivre“ – das Restaurant des Hotels „l'Arrivée“, einem der gestern am besten bewachten Orte Deutschlands. Polizisten stehen mit Maschinenpistolen an den Sperren auf der Wittbräucker Straße. Sie ist im Abschnitt vor dem Hotel weiträumig gesperrt. Journalisten werden von Einsatzwagen in die Nähe der Einfahrt gebracht, in der am Dienstag um 19.15 Uhr drei Sprengsätze explodierte sind.

„Es war ein gezielter Angriff auf den Mannschaftsbus des BVB“, sagt Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange noch in der Nacht, „deshalb haben wir auch sofort eine Vollalarmierung ausgelöst.“ An Fußball noch am selben Abend ist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zu denken. Gut eine Stunde nach dem Anschlag wird das Viertelfinale der Champions League zwischen Borussia Dortmund und AS Monaco offiziell abgesagt und auf Mittwoch verschoben. Ein terroristischer Anschlag? Am Mittwochnachmittag tritt die Sprecherin des Generalbundesanwalts, Frauke Köhler, vor die Presse: „Aufgrund der Tatmodalitäten ist von einem terroristischen Anschlag auszugehen. Wir halten einen islamistischen Hintergrund für möglich.“ Darauf deuteten drei wortgleiche Bekennerschreiben hin, die schnell nach den Detonationen gefunden werden. Sie beginnen so: „Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.“ Gefordert werden darin, „Tornados aus Syrien“ abzuziehen und: „Ramstein Air Base muss geschlossen werden.“ Von Ramstein aus soll die Luftwaffe der Vereinigten Staaten den Drohnenkrieg in Syrien steuern. Vielleicht, so mutmaßen Ermittler, soll mit den Schreiben auch eine falsche Spur gelegt werden.

„Der Anschlag kann sowohl linksextremistisch wie auch rechtsextremistisch motiviert sein, das können gewaltbereite Fans gewesen sein. Wir wissen es derzeit nicht“, sagt Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger. Die Bundesanwaltschaft hat Wohnungen durchsuchen lassen und zwei Verdächtige „aus dem islamistischen Spektrum“ im Visier. Einer davon sei vorläufig festgenommen worden, ob Haftbefehl erlassen werde, müsse geprüft werden, sagt Frauke Köhler. Sie gibt Details zu den Sprengsätzen preis: „Sie waren mit Metallstiften bestückt. Einer der Stifte hat sich in eine Kopflehne des Busses gebohrt. Insofern können wir von Glück reden, dass nicht mehr passiert ist.“

Aus der ganzen Welt gibt es Solidaritätsbekundungen für Borussia Dortmund. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefoniert am Mittwochmorgen mit Hans-Joachim Watzke, dem Geschäftsführer des BVB, und lobt das Verhalten der Vereine, der Polizei und der Fans bei dem besonnenen Abgang aus dem Stadion. Die Kanzlerin lässt sich zitieren: „Das ist eine widerwärtige Tat.“

Rechts hinten im Mannschaftsbus hat Marc Bartra gesessen. Der Verteidiger ist einer von zwei Verletzten, die der Anschlag gefordert hat. Ein Polizist auf einem Motorrad, das den Bus zum Stadion eskortieren sollte, hat ein Knalltrauma erlitten. Er sei dienstunfähig, schreibt die Polizei. Auch Bartra wird seinen Beruf in den kommenden Wochen nicht ausüben können. „Bruch der Speiche im rechten Handgelenk und diverse Fremdkörpereinsprengungen“, teilt der BVB als Diagnose mit. „Wir haben gehört, dass die Operation gut verlaufen ist“, sagt Vereinspräsident Reinhard Rauball.

Die Kollegen von Bartra treffen sich am Mittwochmorgen, um sich auf eines der wichtigsten Spiele der Saison vorzubereiten. Die Chance ist da, unter die besten vier Mannschaften Europas zu kommen. Aber wie soll sich jemand darauf konzentrieren, wenn ihm kurz zuvor Nägel am Kopf vorbeigeflogen sind? Als BVB-Geschäftsführer Watzke am Mittwoch um 9.50 Uhr auf das Trainingsgelände im Stadtteil Brackel rollt, stehen schon fünf Einsatzwagen der Polizei vor dem Zaun. Die Botschaft des Bosses teilt der BVB über die Sozialen Medien mit: „Ich habe gerade in der Kabine an die Mannschaft appelliert, der Gesellschaft zu zeigen, dass wir vor dem Terror nicht einknicken.“ Am Mittag bittet Trainer Thomas Tuchel seine Profis für eine halbe Stunde auf den Platz. „Anschwitzen“ heißt das neuerdings. Manche Spieler verlassen das Gelände danach mit dem eigenen Wagen. Noch ein paar Stunden bis zum Anpfiff eines denkwürdigen Spiels.

Lucas, Abderamane, Kevin und Charaf wären um diese Zeit schon längst wieder zu Hause in Paris gewesen. Zwei der vier Jungs hätten arbeiten müssen. Sie sitzen aber um 12 Uhr bei Stefan Kilmer am Frühstückstisch. Der Dortmunder hat, wie viele andere auch, Betten für Auswärtsfans angeboten, die nach der Spielabsage eine Bleibe gesucht haben. Die Aktion läuft bei Twitter unter dem Hashtag #bedforawayfans und zeigt, was der Fußball auch kann. „Eine halbe Stunde nach meinem Angebot waren die Vier hier“, sagt Kilmer. Kevin, 23 Jahre alt, ist ein Fan von Monaco, Charaf, 20, unterstützt den BVB. Die beiden anderen sind mitgefahren, weil sie Spaß daran haben, mit ihren Freunden Fußball zu sehen. Diese eine Fahrt wird ihnen lange in Erinnerung bleiben. Am Abend nach dem Spiel haben sie in Köln noch einen Termin beim Fernsehen.

Auch für acht BVB-Fans aus Winterbach und St. Wendel kam am Dienstag alles anders als erwartet. Einige von ihnen fuhren wieder nach Hause, weil sie arbeiten mussten, andere schliefen in Dortmund bei Freunden. Letzere gingen gestern dann wieder ins Stadion – mit der Hoffnung auf ein spannendes Spiel.






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