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„Niemand geht aus Mitleid in den Chor“

Hülzweiler
„Niemand geht aus Mitleid in den Chor“
Christine Kloth
6. März 2017

Was tun Vereine gegen Nachwuchssorgen?, hat die SZ gefragt. Das Chor-Werk Hülzweiler antwortet. SZ-Serie, Teil 1
Das Chor-Werk Hülzweiler vereint drei Chöre: den gemischten Chor „Jung & Sing“ (hinten), den Frauen-Chor „Chorina“ (Mitte) und den Kinder- und Jugendchor Chorazón (vorne). Die Mitgliederzahl der drei Chöre ist seit Jahren stabil. Foto: Dirk Meyer /Fotografie Prisma
Das Chor-Werk Hülzweiler vereint drei Chöre: den gemischten Chor „Jung & Sing“ (hinten), den Frauen-Chor „Chorina“ (Mitte) und den Kinder- und Jugendchor Chorazón (vorne). Die Mitgliederzahl der drei Chöre ist seit Jahren stabil. Foto: Dirk Meyer /Fotografie Prisma

Das Chorsterben im Saarland – es ist für Uli Linn vom Chor-Werk Hülzweiler zum Teil ein hausgemachtes Problem: „Viele Chöre“, sagt er, „hatten vor 20, 30 Jahren ihre Hochzeit und es ging ihnen richtig gut. Dann haben die Mitglieder, warum auch immer, eine ordentliche Nachwuchsarbeit versäumt.“

Genau diesen Fehler wollten die Aktiven vom Chor-Werk Hülzweiler nicht machen. Deswegen haben sie schon früh entschieden, in Zeiten guter Besetzung regelmäßig Konzerte zu geben – auch um an junge Sänger zu kommen. Linn: „Das hat in den letzten 25 Jahren, die es uns gibt, gut funktioniert. Wir sind weit weg davon, überaltert zu sein, und unsere Mitgliederzahl ist mit 100 in allen drei Chören stabil.“

Zurücklehnen und ausruhen kommt dennoch nicht in Frage: In wenigen Tagen steht schon die nächste Veranstaltung an, ein Probentag, an dem die drei Chöre zeigen, was sie können. Zum ersten Mal eigens mit dem Ziel, Mitglieder zu werben. In kreativer Gemeinschaftsarbeit haben die Aktiven dazu – neben den anderen organisatorischen Vorbereitungen – eine Plakat-Kampagne entworfen, die Aufmerksamkeit erregt. Schulen, Geschäfte und Unternehmen erhalten nach und nach die Flyer dazu. Zudem haben die Mitglieder des Chor-Werks bezahlte Anzeigen – gefiltert nach Altersgruppe – bei Facebook geschaltet und eigens für den Tag die Homepage www.finde-deinen-chor.de angelegt. Vereinsarbeit – ein neuer Vollzeit-Job? „Es klingt so, ist es aber nicht, es erfordert nur eine gewisse Professionalität und Ernsthaftigkeit“, sagt Linn, der den gemischten Chor „Jung & Sing“ beim Chor-Werk leitet.

Große Teile der gemeinsamen Aufgaben im Vorstand werden online erledigt. Ohnehin spielt das Internet bei der erfolgreichen Kommunikation nach außen und innen mittlerweile eine wichtige Rolle: „Unser Chor hat seit 1998 eine Internetseite. Neue Mitglieder kommen fast ausschließlich darüber. So eine Homepage ist heutzutage ein Muss für einen Chor. Für uns ist auch Facebook Pflicht“, sagt Linn.

Dreiviertel aller Chorwerk-Mitglieder seien bei Facebook aktiv. Die Plattform helfe enorm, Veranstaltungen wie den Probentag publik zu machen. Natürlich müsse man dafür als Ehrenamtlicher die Zeit zur Pflege des Facebook-Profils investieren. Linn: „Wenn ein Chor Nachwuchs zwischen zehn und 20 sucht, reicht Facebook heute nicht mehr. Die ganz junge Generation muss über Dienste wie Instagram oder Snapchat angesprochen werden.“

Doch es genügt nicht nur, sich ins Gespräch zu bringen, wenn am Ende nicht viel dahinter steckt, weiß auch Chorleiter Uli Linn: „Niemand geht in einen Chor aus Mitleid, weil der Chor zu wenige Leute hat.“ Entscheidend für das Konzept seien der Spaß am Gesang und eine Spezialisierung des Chors auf eine Sache, die er möglichst gut macht. Beim Chor-Werk Hülzweiler ist das Rock- und Popmusik in „anspruchsvollen Arrangements“.

Dafür nehmen die Sänger offenbar auch weite Wege auf sich: Das Einzugsgebiet der drei Chöre „Jung & Sing“ (gemischt), des Frauenchors „Chorina“ und des Kinder- und Jugendchores „Chorazón“ umfasst mittlerweile das ganze Saarland mit Schwerpunkt Kreis Saarlouis. Aus Hülzweiler selbst kommen nur noch 20 Prozent der Sänger.

Bemerkenswert insgesamt: die Altersmischung. Im Chor „Jung & Sing“ etwa sind die jüngsten Sänger 16 und die ältesten knapp über 60. „Wir zeigen, dass Alt und Jung sehr wohl zusammen singen können und dass das Alter im Chor keine Rolle spielt“, sagt Linn mit Verweis auf Kritiker, die das Gegenteil behaupten. Entscheidend sei ein gemeinsamer Musikgeschmack und ein respektvolles Klima. „Es darf nicht das Motto gelten: Das sind die Kindchen und das die alten Männer“, sagt der Chorleiter.

Doch nicht nur hier muss offenbar die Wertigkeit stimmen in einem funktionierenden Chor-Gefüge. Die erwachsenen Mitglieder des Chor-Werks nehmen mit zwölf Euro pro Monat einen recht hohen Mitgliedsbeitrag in Kauf – verglichen mit anderen Chören. Da aus öffentlichen Quellen so gut wie keine Zuschüsse kämen und die Konzerte zu aufwendig seien, um damit Geld zu verdienen, müsse der Verein seine Arbeit aus „eigener Kraft stemmen“, sagt Linn. „Viele Chöre verlangen nur ein paar Euro Mitgliedsbeitrag, das ist nach unserer Erfahrung zu wenig, da bekommt man keinen ordentlichen Chorleiter und dafür kann man auch keine ordentliche Werbung machen.“ Eine gute Chorarbeit, so Linns Fazit, koste eben Geld.

 

Zum Thema:

 

Das Chor-Werk lädt zum Mitsingen ein Das Chor-Werk Hülzweiler lädt am Samstag, 11. März, zu einem Probentag ins Haus für Kultur und Sport nach Hülzweiler ein. Ab 14 Uhr stellen sich alle drei Chöre vor. Besucher dürfen, müssen aber nicht mitsingen. Die Teilnahme ist kostenlos. Infos unter www.finde-deinen-chor.de






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