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Mit den Flöten aus den Nöten

Wadgassen
Mit den Flöten aus den Nöten
Christine Kloth
27. März 2017

Was machen Vereine im Saarland gegen Nachwuchssorgen? Der Orchesterverein Wadgassen antwortet, SZ-Serie Teil 3
Julie, Ronja, Jonas und Alessandro (von links) und ihre Kameraden aus der Klasse 2.2. der Abteischule Wadgassen lernen Blockflöte. Im kommenden Schuljahr können sie ein anderes Blasinstrument mieten – und später mit ihrem musikalischen Grundwissen in den Orchesterverein Wadgassen eintreten. Foto: Iris Maurer
Julie, Ronja, Jonas und Alessandro (von links) und ihre Kameraden aus der Klasse 2.2. der Abteischule Wadgassen lernen Blockflöte. Im kommenden Schuljahr können sie ein anderes Blasinstrument mieten – und später mit ihrem musikalischen Grundwissen in den Orchesterverein Wadgassen eintreten. Foto: Iris Maurer

Die Eltern ärgern sich schwarz. Vor wenigen Wochen haben sie über hundert Euro für eine Geige ausgegeben. Jetzt liegt das Instrument unbeachtet in einer Ecke des Kinderzimmers. Junior spielt doch lieber Fußball. Seine musikalische Zukunft ist erst einmal passé.

Wie muss Nachwuchsarbeit aussehen, damit Eltern, Kinder und örtliche Vereine davon profitieren? Das hat sich der Musiklehrer und Dirigent des Orchestervereins Wadgassen, Björn Jakobs, vor ein paar Jahren gefragt. Seine Antwort heute: das „Wadgasser Modell“, ein mehrfach mit Preisen ausgezeichnetes Konzept, das auch für andere Gemeinden interessant sein könnte.

Was steckt dahinter? Zunächst einmal jemand wie Björn Jakobs, der am Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) arbeitet, in der Musik-Szene verwurzelt ist und so den Anstoß für das Projekt geben konnte. Dann viele Überzeugte in der Gemeinde Wadgassen, die am gleichen Strang ziehen. Zum Beispiel die Lehrer der Musikschule, die einmal pro Woche eine Stunde Musik in den Kindertagesstätten Sonnenschein Schaffhausen, Abenteuerinsel Hostenbach, Waldwichtel Friedrichweiler und Regenbogen Differten unterrichten. Sie klatschen und tanzen mit den Kita-Kindern oder spielen und hören Lieder. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sehr wichtig ist, die Kinder in diesem frühen Alter mit Musik in Kontakt zu bringen. Mit sieben oder acht Jahren haben sie meist schon andere Präferenzen“, sagt Jakobs.

Damit das, was die Kita-Kinder lernen, nicht verloren geht, nimmt die gebundene Ganztagsgrundschule in Wadgassen den musikalischen Faden auf. Annette Lang-Rech, Leiterin der Abteischule: „Kinder erleben ja heute zuhause oft, dass sie der Mittelpunkt des Universums sind. Über das Musizieren mit ihren Klassenkameraden erfahren viele, wie schön es sein kann, ein Teil von einem Ganzen zu sein. Es funktioniert nur, wenn ich auf die Töne des anderen achte.“

Die Erstklässler in Wadgassen starten mit rhythmisch-musikalischen Spielen und ab der zweiten Klasse lernen alle Kinder Blockflöte. Ihre Lehrer übrigens zuvor auch. Denn: „Grundschullehrer“ sagt Jakobs, „können heute in der Regel nicht mehr Blockflöte spielen“. Das LPM schule die Lehrer und erkläre, wie die Flöte als pädagogisches Medium über die Schulmusik-Stunde hinaus funktionieren kann – etwa bei Unruhe im Klassenraum, bei Schul-Veranstaltungen oder im Mathematik-Unterricht.

Dieses regelmäßige Musizieren im Klassenzimmer, argumentiert auch Jakobs, zeige viel mehr Wirkung als mit den Schülern „passiv ein Konzert zu konsumieren“. Es fördere die Teamfähigkeit der Kinder – und das Einander-zuhören-können. Teilweise, ergänzt Lang-Rech, wirke sich das Musikmachen – etwa beim Flötenspiel – bis hin zu einer besseren Körperhaltung der Kinder aus: „Wenn ich nicht aufrecht sitze und nur irgendwie laut reinblase, ist der Ton einfach nicht schön“.

A propos Ton. Ab der dritten Klasse können die Schüler in Wadgassen dann für 45 Euro im Monat für den Zeitraum von zwei Jahren ein beliebiges Blas-Instrument zunächst leihen und später abzüglich der gezahlten Miete kaufen. Musikunterricht und Orchesterprobe inklusive. Diese Probe hat dabei sowohl für die Schüler als auch für den Orchesterverein Wadgassen eine zentrale Rolle. Jakobs: „Die Kinder spielen von Anfang an in einer Gruppe. Ein soziales Gefüge, das dazu beiträgt, das nur wenige abspringen“ – und sich so auch der Orchesterverein Wadgassen nach und nach verjüngen kann.

 

Zum Thema:

 

Das Wadgasser Modell finanziert sich über „Kultur macht stark“ und „Kreative Praxis“. Info: www.saarland.de/3931.htm und foerderung.buendnisse-fuer-bildung.de/ Hilfe bei Anträgen geben Eva Molter und Björn Jakobs. Kontakt: EMolter@lpm.uni-sb.de oder BJakobs@lpm.uni-sb.de






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