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Bis die Klingen zerbrochen sind: Mit ihrem Verein Intact kämpft Christa Müller seit 20 Jahren gegen weibliche Genital-Beschneidung

Oberlimberg
Bis die Klingen zerbrochen sind
Mit ihrem Verein Intact kämpft Christa Müller seit 20 Jahren gegen weibliche Genital-Beschneidung
Esther Brenner
7. Dezember 2015

Als Christa Müller 1995 den Verein Intact gegen die weibliche Genitalverstümmelung in Afrika gründete, ging sie davon aus, dass es Jahrzehnte braucht, um den brutalen Brauch aus der Welt zu schaffen. Doch Intact hatte erst in Benin, dann in Togo schnell Erfolg. Für ihr Engagement erhielt die Ex-Ehefrau von Oskar Lafontaine kürzlich das Bundesverdienstkreuz.
Unterwegs in Togo: Intact-Vorsitzende Christa Müller mit Mädchen vor einem Aufklärungsplakat bei einer Projektreise 2013.
Unterwegs in Togo: Intact-Vorsitzende Christa Müller mit Mädchen vor einem Aufklärungsplakat bei einer Projektreise 2013.
Wie groß ist Benin, wo liegt Togo genau? Mit einem Handgriff zieht Christa Müller den Diercke-Weltatlas aus dem Regal im Esszimmer und schlägt ,,Afrika“ auf. „Schauen Sie, hier in diesen Gebieten Benins war die Beschneidung von Frauen üblich“, fährt sie mit dem Finger über die Karte. Seit 2005 existiert der grausame Brauch in dem kleinen westafrikanischen Land praktisch nicht mehr. Benins Nachbarland Togo ist seit 2012 „beschneidungsfrei“. Diese – wahrhaft sensationellen – Erfolge kann sich der Verein Intact (Internationale Aktion gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen e.V.), den Christa Müller, Ex-Ehefrau Oskar Lafontaines, vor 20 Jahren in Saarbrücken gründete, auf die Fahnen schreiben.

Denn immerhin konnte man einen jahrtausendealten, qualvollen Brauch in diesen beiden Ländern beenden, der afrikanischen Mädchen und Frauen nicht selten das Leben, aber sehr oft die Lebensfreude kostete. Nie – so sagt Christa Müller – hätte sie gedacht, dass es innerhalb von nur zehn Jahren möglich sein würde, die weibliche Genitalverstümmelung in einem ganzen Land wie Benin auszumerzen – und den Beschneiderinnen neue Perspektiven zu geben, damit das Ende dieses Brauches nicht wieder rückgängig gemacht wird.

Damals, 1995, fing alles mit einem Staatsbesuch in Benin an, bei dem sie als (damalige) Ehefrau des amtierenden Saar-Ministerpräsidenten Lafontaine von den Gastgebern um Mithilfe beim Kampf gegen die weibliche Beschneidung gebeten worden war. Sie nutzte ihre guten Kontakte in die Politik und rief in kürzester Zeit den Verein Intact ins Leben, zu dessen Gründungsmitgliedern Ex-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm und der Schriftsteller Alfred Gulden gehören.

Für ihr jahrzehntelanges Engagement gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen wurde ihr vor einigen Wochen das Bundesverdienstkreuz verliehen. Daheim auf dem Oberlimberg liegt die Verleihungsurkunde samt Orden noch auf dem dunklen Holz-Sideboard. Christa Müller schmunzelt, als sie erzählt, dass sie von einer völlig fremden Frau aus Oberursel für die Ehrung vorgeschlagen worden war, obwohl diese lediglich über Intact gelesen hatte. Jetzt sei die Frau Vereinsmitglied.

Man kennt Christa Müller als resolute, meinungsstarke Frau. Und so macht sie als Intact-Vorsitzende auch keinen Kompromiss, was das Ziel des Vereins angeht: „Anders als viele andere, auch größere Nichtregierungsorganisationen, geben wir uns nicht mit einer bloßen Reduzierung der Genitalverstümmelungen zufrieden. Wir gehen erst, wenn sie vollkommen und nachweislich eingestellt sind“, merkt sie kritisch und bestimmt an. Nach Benin und Togo ist Intact über einheimische Partnerorganisationen vor Ort derzeit auch in Gambia, Senegal, Burkina Faso und Ghana aktiv.

Mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln habe man viel erreicht, sagt die Volkswirtin, die sich über die gängige Praxis in der Entwicklungshilfe ärgert. „Sie provoziert oft ein falsches Verhalten bei den Nehmerländern“, findet Müller. Mit internationalen Hilfsgeldern ließen sich gute Geschäfte machen, habe sie bei ihrer langjährigen Arbeit in Afrika festgestellt. Konkret bemängelt sie, dass viele Organisationen zuallererst ihr eigenes Überleben im Blick hätten und weniger das eigentliche Entwicklungsziel. Daher wolle sie auch den „Leistungsgedanken“ bei den afrikanischen Partner-Organisationen vor Ort stärken. Sie werden von Intact gründlich geprüft vor einer Zusammenarbeit und müssen Erfolge vorweisen, um Gelder zu bekommen.

Passt das zum Image einer Linken-Politikerin? Andererseits fügte sich Christa Müller noch nie den Zwängen politischer Korrektheit. Über ihrem Sideboard hängt ein Bild, das die 59-Jährige mit ihrem neuen Lebenspartner, einem französischen Unternehmer, zeigt. Darunter steht: „Geh' deinen Weg und lass die Leute reden.“

Das tut sie – und fühlt sich offenbar wohl dabei. Der gemeinsame Sohn mit Oskar Lafontaine, Carl Maurice, ist gerade zum Studieren nach Jena gezogen. Auch Müllers pflegebedürftige Mutter (96) wohnt nicht mehr auf dem Oberlimberg, sondern in einem Pflegeheim. Und ja, auch mal länger „ganz allein“ in dem großen Haus zu sein, das sei schon gewöhnungsbedürftig. Langweilig wird es Christa Müller aber nie. Für Intact hält sie Vorträge in ganz Deutschland, wirbt Spenden ein.

Und ihr Engagement bei der „Linken“? Liegt auf Eis. „Ja, ich bin noch Mitglied“, sagt sie vieldeutig nach kurzem Zögern und schmunzelnd. Ob sie es bleiben wird? Kein Kommentar. Politisch Gehör zu finden für ihre viel gescholtenen Ideen (hohes Erziehungsgehalt, Ablehnung frühkindlicher Betreuung in großen Krippen), scheint der ehemaligen familienpolitischen Sprecherin der Saar-Linken nicht mehr von großer Bedeutung zu sein. Ihr Engagement für Intact ist es dagegen sehr. Schließlich gibt es noch viel zu tun, denn Millionen von afrikanischen Mädchen droht weiterhin die brutale, lebensgefährliche Genitalverstümmelung.

 

Zum Thema:

Auf einen BlickDer Verein Intact (Internationale Aktion gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen e.V.) mit Hauptsitz in Saarbrücken hat derzeit rund 1000 Mitglieder in Regionalgruppen bundesweit. 2014 konnten rund 500 000 Euro Spendengelder akquiriert werden. Davon werden zurzeit Aufklärungsprojekte in Burkina Faso, Ghana und Senegal finanziert. In den mittlerweile beschneidungsfreien Ländern Benin und Togo finden Nachhaltigkeitsprojekte zum Beispiel im Kampf gegen Mangelernährung und in der Ausbildung von jungen Frauen statt. Der Verein arbeitet mit Partnerorganisationen vor Ort, und setzt vor allem auf Aufklärung und auf das Angebot von alternativen Einnahmequellen für Beschneiderinnen. Weltweit sind mindestens 140 Millionen Frauen und Mädchen Opfer von Genitalverstümmelung. In 28 afrikanischen Ländern sowie in einigen Ländern des Nahen Ostens und in Südostasien gibt es den Brauch. esbintact-ev.de





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