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Der Chor als Event ohne Smartphone

St Wendel
Der Chor als Event ohne Smartphone
Christine Kloth
14. März 2017

Was machen Vereine gegen Nachwuchssorgen? Die „VielHarmonie Bliesen“ antwortet. SZ-Serie, Teil 2.
Musiklehrer und Chorleiter Christoph Demuth begleitet den Nachwuchs aus Bliesen. Einige der Jungs und Mädchen singen von kleinauf und können später in den Gemischten Chor wechseln. Fotos: Becker
Musiklehrer und Chorleiter Christoph Demuth begleitet den Nachwuchs aus Bliesen. Einige der Jungs und Mädchen singen von kleinauf und können später in den Gemischten Chor wechseln. Fotos: Becker

Das Chorsterben im Saarland – es verschont auch den Kreis St.Wendel nicht. Doch während in den Nachbarorten im Laufe der letzten Jahre viele Männer- und Kirchenchöre verschwunden sind, blüht die „VielHarmonie Bliesen“ regelrecht auf. 166 Mitglieder zählt der Chor derzeit, darunter 100 Aktive. Die Zahl ist seit Jahren stabil und steigt sogar.

Davon können viele andere Sänger-Gemeinschaften derzeit nur träumen. Was machen die Bliesener anders?, hat die SZ gefragt. „Die Chorarbeit bestimmt unser Leben. Für viele von uns ist das Berufung“, antwortet Peter Becker, Referent für Öffentlichkeitsarbeit der „VielHarmonie“.

Wir, das sind die vielen wichtigen Stimmen und der Gründerkern des Chors: Peter Becker, sein Bruder Thomas Becker und die Schwester der beiden, Andrea Demuth. Mit elf Jahren begann Peter Becker im katholischen Kirchenchor Alsweiler zu singen, später gründete er mit seinen Geschwistern und einer Hand voll Gleichgesinnter einen Jugendchor, der in der „VielHarmonie“ mündete.

Heute sitzen die Geschwister im neunköpfigen Vereins-Vorstand, der ehrenamtlich mit den Chorleitern und Helfern das Gros der Chorarbeit erledigt – und singen natürlich mit. Genauso wie insgesamt sechs ihrer Kinder. Sogar Oma und Opa sind seit Bestehen des Chores dabei: als Fördermitglieder.

Ein echtes generationenübergreifendes Projekt also, das bei allem Spaß und Idealismus viele Opfer für die Gemeinschaft verlangt: „Wir organisieren unser Leben um Proben, Auftritte und Sitzungen herum. Wenn wir an einem Probentag zu einer Geburtstagsfeier eingeladen sind, hat die Probe immer Priorität. Danach kommt erst die Feier. Erfolgreiche Chorarbeit geht nur so“, ist Peter Becker überzeugt.

Sein Bruder Thomas etwa investiere als dreifacher Vater und Vorsitzender des Vereins trotz einer strammen Arbeitswoche jede freie Minute in die „VielHarmonie“: Notar-Termine, Sitzungen des Kreis-Chorverbandes oder notwendige rechtliche Beratungen und Fortbildungen für Vereinsvorstände – die Liste der Verpflichtungen ist lang.

Und manchmal ist die Arbeit für die lokale Kultur sehr frustrierend. Bedeutet sie doch auch Klinkenputzen, um private Unternehmen vor Ort als Sponsor zu gewinnen. Denn nur so kann der Chor – bei einem Mitgliedsbeitrag von drei Euro im Monat – anspruchsvolle Auftritte anbieten. „90 Prozent der Firmen antworten nicht, wenn wir sie anschreiben. Für Vereine wie den unseren, die an der Heimat, am Wir-Gefühl mitarbeiten, ist da erschreckend wenig Wertschätzung“, klagt Becker.

Die Wertschätzung – sie kommt aber von den Konzert-Besuchern, die mittlerweile aus einem sehr großen Einzugsgebiet kommen. Was die Gründer-Geschwister leben – Sinn für Familie und das überzeugte Eintreten für den Gesang ohne Wenn und Aber – tragen die mehr als 100 aktiven Mitglieder weiter. „Zu uns kommt man nicht nur und singt und geht wieder. Unsere Proben sind ein soziales Event ohne Smartphone“, schildert Becker.

Die Sänger finden das, was im hektischen Alltag häufig nicht mehr selbstverständlich ist: Man steht zusammen – und interessiert sich einfach mal ein paar Minuten füreinander. „Die Leute fühlen sich angenommen. So sind bei uns schon viele Bekanntschaften, Freundschaften und sogar Ehen entstanden“, erzählt Becker. Ein familiärer Zusammenhalt, den der Gemischte Chor der „VielHarmoniker“ jedes Jahr noch mit Wanderungen, Grillfesten und einem gemeinsamen Ausflug stärkt: Dann geht es zu einem dreitägigen Probenwochenende in eine Jugendherberge – Omas, Opas oder Ehepartner, die nicht im Chor singen, inklusive.

Missionarischer Eifer und eine gewisse Besessenheit, was das Singen anbelangt, würden aber bei den „VielHarmonikern“ auf Dauer nicht ausreichen, um Mitglieder zu werben und zu halten. Der Schlüssel des Erfolgs scheint vielmehr darin zu liegen, dass der „Fanatismus“, von dem Peter Becker spricht, alles andere als kopflos ist: Das Nachwuchs-Konzept des Chores ist durchdacht generationenübergreifend. Die jüngsten potenziellen späteren Mitglieder führt Andrea Demuth im Musikgarten-Projekt schon im Alter zwischen zwölf Monaten und vier Jahren an das Singen und an Klanginstrumente heran. Später können diese Kinder zu den „VielHarmonie-Zwergen“ (vier bis acht Jahre) und den „Jungen VielHarmonikern“ (ab neun bis zwölf Jahre) wechseln, um schließlich im Gemischten Chor mitzusingen.

Und während manch Jugendlicher das Singen in der Pubertät uncool findet und damit aufhört, haben die ersten Nachwuchs-Sänger mittlerweile bei der „VielHarmonie“ das komplette Programm von klein auf durchlaufen. „Sie können was“, lobt Becker – und das Wichtigste: Sie bleiben am Ball.

 

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Von Gregorianik bis Jazz Die „VielHarmonie Bliesen“ existiert seit 17 Jahren. Ihre musikalische Bandbreite reicht von Gregorianik über traditionelle Chorliteratur bis hin zu modernen Arrangements aus Jazz, Rock, Pop oder Musicals. Der Chor sucht Sänger. Infos unter www.dievielharmonie.de






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