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Wenn der Fußball rasselt . . .: Blinde können auch Sport treiben, nur anders – Ein Experiment zur Sinneswahrnehmung für Grundschüler

Niederkirchen
Wenn der Fußball rasselt . . .
Blinde können auch Sport treiben, nur anders – Ein Experiment zur Sinneswahrnehmung für Grundschüler
Frank Faber
11. November 2016

Die Viertklässler der Grundschule Niederkirchen haben nicht schlecht gestaunt. Sportlich und spielerisch hat ihnen Benjamin Zoll das Thema Inklusion nähergebracht und vorgeführt, wie Blindenfußball funktioniert. Mit dem Projekt „Handicap macht Schule“ soll den Kindern neben dem Behindertensport die Bedeutung der Sinne Hören und Fühlen aufgezeigt, Toleranz, Hilfsbereitschaft sowie die Sozialkompetenz gestärkt werden.
Dank einer Spezialbrille erfahren die Schüler der Niederkircher Grundschule, wie es ist, nichts sehen zu können. Trotzdem soll der Ball an den Nebenmann übergeben werden – ohne auf den Boden zu fallen. Foto: Frank Faber
Dank einer Spezialbrille erfahren die Schüler der Niederkircher Grundschule, wie es ist, nichts sehen zu können. Trotzdem soll der Ball an den Nebenmann übergeben werden – ohne auf den Boden zu fallen. Foto: Frank Faber

Normalerweise orientieren sich Fußballspieler in erster Linie mit den Augen auf dem Spielfeld, aus naheliegenden Gründen geht das im Blindenfußball nicht. Tastsinn und Gehör sind hier gefragt, eine Erfahrung, die die Viertklässler der Grundschule Niederkirchen bei der Aktion „Handicap macht Schule“ machen dürfen. Benjamin Zoll, Lehrer an der Nikolauspflege, eine Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen in Stuttgart, und ehemaliger Co- und Fitnesstrainer der Blindenfußball-Nationalmannschaft, führt die Grundschüler in das modifizierte Spiel mit dem runden Leder ein. Für die Kinder sind das neue und spannende Momente, die eine hohe Konzentration verlangen und für viel Respekt vor den Blindenfußballern sorgen. Ehe der Ball rollt, baut Zoll ein paar lockere Vorübungen ein.

Inzwischen hat ein Teil der Schüler eine Brille auf, durch die man nichts sieht. Die nun „blinden“ Kinder nehmen auf einem Stück Teppichvlies Platz und werden von je zwei sehenden Kindern wie bei einer Schlittenfahrt durch die Turnhalle gezogen. „Blinde können jede Art von Sport machen und können am Sportunterricht teilnehmen“, berichtet der im Behindertensport erfahrene Lehrer, „nur eben ein bisschen anders“. Auf sein Kommando „Brille abnehmen“ sagt Schüler Justin sofort „Endlich Licht“. Zoll versammelt daraufhin kreisförmig die 19 Grundschüler. „Seid alle froh, dass ihr sehen könnt“, sagt er. Alle nicken mit dem Kopf und er bringt einen speziellen Ball ins Spiel. Die mit Rasseln im Inneren versehene Kugel, eine Erfindung, die aus Brasilien kommt, gibt den blinden Kickern durch akustische Signale die Möglichkeit der Ortung, die Akteure selbst verhindern Zusammenstöße durch ständiges Wiederholen des Wortes „Voy“ (Achtung).

„Dazu werden die Arme tastend ausgestreckt, sodass man nicht auf schmerzhafte Art und Weise mit der Wand oder einem Tor kollidiert“, erklärt Zoll. Dann sind zwei Bälle im Umlauf, die möglichst schnell an den Nebenmann weitergereicht werden sollen. Dass alle Kinder die Brille aufgesetzt haben, macht das nicht so einfach. „Fußball eine der schwersten Sportarten für blinde Menschen überhaupt“, meint Zoll. Nur mit der Piecke (Fußspitze) darf geschossen werden und er demonstriert wie ein Zuspiel gestoppt werden kann. „Die blinden Menschen haben gelernt mit dem Leben klarzukommen“, so Zoll. Er fordert seine Sportler auf, allen behinderten Menschen Respekt entgegenzubringen. Genau darum gehe es bei der Inklusion. „Ihr müsst die behinderten Kinder akzeptieren, nehmt sie in die Gruppe auf“, appelliert Zoll an die Viertklässler.

Wichtig sei, dass die Menschen mit Handicap nicht verhätschelt würden. „Deshalb seid ihnen gegenüber normal und das funktioniert am einfachsten durch gegenseitiges Helfen“, rät Zoll. Bei diesem Projekt steht für ihn im Vordergrund, dass die Kinder mit der Thematik Behinderung konfrontiert, sensibilisiert werden und sehen, wo sie helfen können. „Kinder gehen sehr offen damit um“, weiß der Sportlehrer.

Zum Thema:

Hintergrund „Handicap macht Schule“ ist ein gemeinsames Projekt der Sportregion Stuttgart und des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes (WBRS). Ziel ist es, Schülern das Thema Inklusion näherzubringen und ihnen an den Beispielen Blindenfußball und Rollstuhlbasketball zu zeigen, wie es ist, ein Handicap zu haben. Im Schuljahr 2016/17 wird das Projekt in noch größerem Umfang als bisher angeboten. Möglich macht dies das Engagement des Vereins Herzenssache. Dabei handelt es sich um die Kinderhilfsaktion von SWR, SR und Sparda-Bank. Der Verein kümmert sich um Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg, in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Im Landkreis St. Wendel war Sportlehrer Benjamin Zoll mit dem Projekt „Handicap macht Schule“ an den Grundschulen Freisen-Oberkirchen und Niederkirchen zu Gast. frf






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